Überraschend anders: Mädchen und Frauen mit Autismus

Mädchen und Frauen mit Autismus sind die „Minderheit einer Minderheit“ in der Gesellschaft. In letzter Zeit allerdings wird die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung beim weiblichen Geschlecht immer häufiger gestellt, sodass es sinnvoll ist, zu überlegen, welche spezifischen Schwierigkeiten bei ihnen bestehen und wie die diagnostischen Überlegungen und therapeutischen Möglichkeiten noch besser an ihre speziellen Bedürfnisse angepasst werden können.

Dafür ist ein umfassendes Verständnis ihrer Situation, ihres Verhaltens und ihrer Besonderheiten notwendig. Dieses Verständnis lässt sich erreichen, indem man betroffenen Menschen zuhört und ihre Erfahrungen in zukünftige Maßnahmen einbezieht. Hilfreich für alle Beteiligten sind ermutigende Berichte, die nichts beschönigen, die aber doch zeigen, dass in jedem Lebensalter durch geeignete Maßnahmen Verbesserungen möglich sind. Dem wird durch die ausführlichen Erfahrungsberichte von fünf Frauen mit Asperger-Syndrom Rechnung getragen. Die Betroffenen schildern rückblickend Kindheit und Jugend sowie typische Schwierigkeiten, denen sie heute im Alltag begegnen, aber auch ihre individuellen Lösungen. Es geht dabei auch um so sensible und schwierige Themen wie Partnerschaft, Kinderwunsch, Einsamkeit, gesellschaftliche Erwartungen an eine Frau, den Bereich der Frauengesundheit oder psychisches und körperliches Wohlbefinden.

Dieses Buch stellt die erste Publikation dar, die sich mit der Situation autistischer Mädchen und Frauen in Deutschland beschäftigt. Eine Besonderheit ist auch der Perspektivwechsel. Es ist wichtig für das gegenseitige Verstehen, über den eigenen Tellerrand blicken zu können und die Sichtweise des jeweils anderen nachzuvollziehen. Deshalb kommen in diesem Buch alle Beteiligten zu Wort. Nicht nur die fünf Frauen, die ihr Leben mit dem Autismus schildern, sondern auch zwei Mütter, die berichten, wie sie das Aufwachsen ihrer autistischen Töchter erlebt haben. Was war für sie schwierig, auch im Vergleich zu den nicht autistischen Geschwistern, was haben sie als besondere Bereicherung erlebt? Eine Psychotherapeutin, die eine Therapiegruppe speziell für autistische Frauen leitet, beschreibt, warum solche Gruppen wichtig sind, was sie leisten können und was sich als besonders hilfreich herausgestellt hat. Eine Ergotherapeutin gibt Einblicke in ihre Arbeit und zeigt auf, in welchen Bereichen autistische Mädchen und Frauen davon profitieren können.

Daneben enthält das Buch ausführliche Hintergrundinformationen zu allen angesprochenen Themen. Auch wird geschildert, welche Unterstützung und Hilfen in Schule, Ausbildung, Beruf und im Alltag sinnvoll sind und wie sich hier Verbesserungen erzielen lassen.

Das Buch richtet sich gleichermaßen an autistische Menschen selbst, ihre Eltern, Geschwister und andere Familienmitglieder, ihre Freunde, Schulkameraden, Arbeitskollegen oder Bekannte, aber auch an alle Fachleute, die mit autistischen Mädchen und Frauen zu tun haben, also Ärzte, Therapeuten, Pädagogen oder Sozialarbeiter, Ausbilder, Arbeitgeber usw. Schließlich liegt es an uns allen gemeinsam, eine Gesellschaft zu schaffen, die kreativ und innovativ, flexibel und unkonventionell genug ist, um auf die vielfältigen neuen Herausforderungen antworten zu können. Daran müssen alle Menschen beteiligt werden – diejenigen, die sich „normal“ verhalten, genauso wie alle, die durch ihr Denken und Handeln, ihr Verhalten und ihre Ideen besondere und außergewöhnliche Persönlichkeiten darstellen, die diese Welt bereichern.

Ich lade Sie ein, mit mir gemeinsam die manchmal nur subtilen, in anderen Bereichen aber deutlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen im autistischen Spektrum, aber auch zwischen Frauen mit Autismus und anderen Frauen zu entdecken. Ich möchte das Verständnis verbessern für die Betroffenen, die sich in der Regel große Mühe geben, die an sie gestellten Anforderungen zu bewältigen, die aber gesellschaftlich und auch im familiären Umfeld oft viel Unverständnis ausgesetzt sind, weil niemand mit ihren Eigenheiten und Auffälligkeiten wirklich umzugehen vermag. Sie sind eben überraschend anders.

Dieburg, im Mai 2013

Christine Preißmann

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Zuletzt geändert:
02/12/13